Der dünne Lack europäischer Freundschaften
Es klingt alles so unsäglich schön, so gut, dass einem der Kitsch bald zu den Ohren herauswächst. Die Europäische Union ist „das größte Friedensprojekt“, es zeigt, dass wir „gemeinsam stark“ sind, dass „ewige Brüderlichkeit“ herrscht und „Freundschaft zwischen den Ländern“. Sie schafft einen Raum der „Gemeinsamkeit“ vom Nordkap bis ins südliche Mittelmeer.
Ja, schön wär’s, könnten wir den Versatzstücken aus sonntäglichen Reden mehr oder weniger kluger und mehr oder weniger ehrlicher Politiker glauben. Wie weit es mit der Freundschaft und Brüderlichkeit her ist, lässt sich nicht am Umgang der Europäer in guten Zeiten ermessen, wohl aber dann, wenn es dem einen oder anderen – oder gleich mehreren – dreckig geht.
Die Finanzgrippe, an der Griechenland derzeit akut leidet, deren Virus aber vermutlich auch schon Portugal, Spanien und Italien befallen haben dürfte, zeigt recht eindrücklich, wie weit es mit der Liebe der Europäer zueinander ist.
So wie seinerzeit die britischen Medien hämisch Wetten abschlossen, ob der Euro drei Tage oder erst drei Wochen nach seiner Einführung zusammenbrechen werde, so rümpft jetzt halb Europa die Nase über die Griechen und deren Finanzmisere. Populisten haben es ja immer schon gewusst, dass auf diese Südosteuropäer kein Verlass ist. Besonders findige Köpfe empfehlen den Griechen, sie mögen doch ein paar Inseln verkaufen, um die Staatsschuld abzudecken, und überhaupt geriert sich die nördliche Hälfte Europas so, als könnte sie das Zusammenleben mit der südlichen Hälfte nur schwer ertragen.
Zärtlich herablassend spricht man mittlerweile von Portugal, Spanien, Italien und Griechenland schon von der Gruppe der PIGS – und die Aneinanderreihung der Anfangsbuchstaben dieser Länder vermittelt nicht ganz zufällig den Eindruck, dass hier nur noch der Mut zum echten Schimpfwort fehlt.
Die Staatenlenker und Finanzverwalter jener Länder, die sich jetzt auf Notfallhilfe für das Elend der Griechen geeinigt haben, tun das auch nicht aus Freundschaft und Liebe, sondern aus purem Selbsterhaltungstrieb.
Vor einiger Zeit dachten europäische Staatsmänner ernsthaft über die „Vereinigten Staaten von Europa“ nach. Die Idee dürfen wir getrost wieder einmotten. Es ist ja schon einem Salzburger nur schwer klarzumachen, weshalb er für die Misswirtschaft Kärntner Politiker zahlen soll. Wie sollte dann ein Franzose oder Deutscher sich freuen, wenn er den Müll griechischer Finanzpolitik wegräumen muss.
Der Lack der europäischen Freundschaft ist doch noch furchtbar dünn.
