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Schule geht auch ohne Noten

Notenfrust. Ziffernnoten sind kaum aussagekräftig und entscheiden doch über Bildungskarrieren und die Zukunft unserer Schüler.

Helmut Schliesselberger In den letzten Wochen standen Tausende Eltern, Schüler und Lehrer unter gewaltigem Druck. Der Kampf um die „AHS-Reife“ und um möglichst lauter Einser im Zeugnis macht die vierte Klasse Volksschule zum Schulschlachtfeld. Eltern intervenieren ungeniert, Lehrer geraten unter Druck, weil sie den Schülern die Zukunft nicht zerstören wollen, Kinder fühlen sich wegen eines Zweiers oder eines einzigen Dreiers in der Noten-Tombola als Totalversager. „Der Druck, unter dem Schüler in der 4. Klasse Volksschule stehen, ist ethisch nicht vertretbar“, sagt Günter Haider, Direktor des Bundesinstituts für Bildungsforschung. Die Abhängigkeit von Einser-Zeugnissen sei „völliger Wahnsinn, wenn man weiß, wie Noten zustande kommen“.

Ziffernnoten geben nicht nur keine Information über Lernfortschritte. Sie sagen quer durch das Schulsystem wenig über die tatsächliche Kompetenz oder Leistung der Schüler aus. Das belegen unzählige Studien. Und doch entscheiden sie über die Schullaufbahn der Kinder und damit über den ganzen Lebensweg – laut Haider bis hin zu Berufserfolg, Scheidungs- oder Kriminalitätsraten.

Aus PISA-Detailauswertungen geht nicht nur hervor, dass Schüler, die laut PISA-Test zur mittleren Leistungsstufe gehören, Noten von Sehr gut bis Nicht genügend haben. 15 Prozent der heimischen Schüler, die die schlechte Note Vier in Mathematik erhalten, gehören zur internationalen PISA-Spitzengruppe in Mathematik.

Nicht überraschend ist, dass Kinder mit bildungsfernem familiärem Hintergrund schlechtere Leseleistungen haben. Alarmierend ist, dass sie bei gleicher Kompetenz deutlich schlechtere Schulnoten erhalten und es selbst bei gleichen Schulnoten deutlich seltener in eine AHS schaffen.

Haider unterstützt die Forderung der Grünen, zumindest in der Volksschule Ziffernnoten abzuschaffen. Gäbe es wie in den meisten Ländern die Gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, hätte man das Notenproblem an der Schnittstelle nicht, sind sich Haider und der grüne Bildungssprecher Harald Walser einig. Walser: „Wir müssen die Unterstufe der AHS abschaffen, das sag ich als AHS-Direktor.“

Die Grünen drängen auf Alternativen zur Note. Durch verbale Beurteilung, lernzielorientierte Beurteilung oder Leistungsmappen. Haider: „Es gibt alternative Rückmeldungen, die besser sind als Noten, die im Lehrbetrieb helfen und sich bewährt haben.“ Eltern und Schüler würden mehr Information erhalten, was das Kind könne, was es noch lernen müsse, wie weit es vom Lernziel weg sei.

Nach der Volksschule sollen – so die Vorstellungen der Grünen – externe Experten in regelmäßigen Abständen die Kompetenzen der Schüler überprüfen. Die Lehrer sollen so nicht Richter, sondern Coach der Schüler sein. Haider hält dies für sinnvoll: „Der Lehrer ist der Profi für den Lernprozess und könnte so optimal motivierend wirken.“ Haider hatte sich dafür ausgesprochen, dass die 2011 startenden Bildungsstandard-Tests auch zur objektiven Bewertung der Schüler und der Vergabe von Berechtigungen herangezogen werden. Dies ist gesetzlich nicht vorgesehen.

Die Standards, die festlegen, welche messbaren Lernergebnisse am Ende vierten und achten Schulstufe verlässlich verfügbar sein müssen, seien jedenfalls ein wichtiger Schritt in Richtung Objektivierung, sagt Haider. Und vor allem die im Juni 2014 an den AHS startende Zentralmatura „wird sehr viel verändern, am Unterricht und an den Beurteilungen“.

Dreier / 28.01.2010 28.01.2010 / Print

 
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