Gott ist tot, aber es lebt die Religiosität
Philosophie. Peter Sloterdijk nimmt mit der Parole „Du musst dein Leben ändern“ den Kampf gegen ein Gespenst auf.
Hedwig kainberger Salzburg, Frankfurt (SN). Wenn Peter Sloterdijk etwas über die Rückkehr der Religionen hört oder liest, wird er offenbar so zornig, dass er kaum drei Jahre nach „Zorn und Zeit“ gleich 700 Seiten Gedankenschwall über das Unzeitgemäße von Religion zu Buche bringt. Der wachsenden Aufmerksamkeit für islamistische Gelehrte oder für Papstreden setzt er eine Streitschrift entgegen, die man nach dem Lesen der ersten Sätze weglegen würde, wäre sie nicht vom berühmten Philosophen.
Da steht: „Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt – das Gespenst der Religion. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach längerer Abwesenheit sei sie unter die Menschen der modernen Welt zurückgekehrt, man tue gut daran, mit ihrer neuen Präsenz ernsthaft zu rechnen.“ Wie bitte? Ein Gespenst versichert uns etwas? Wie rechnet man mit der Präsenz von Religion?
Wer allerdings über derartige Flapsigkeit und über Sätze wie „Da die Kirchengeschichte ihr Perfektionsgeheimnis nicht für sich behalten konnte, wurde es an die Weltgeschichte verraten und von der Philosophie publiziert“ (Seite 408) hinwegzulesen vermag, der wird mit einer stupenden Gedankenfülle belohnt.
Zwar ist es ein wackeliger Seiltanz, zu dem Sloterdijk sein Leser mitnimmt. Doch auf diesem Höhenweg werden erstaunliche Zusammenhänge sichtbar. Und am Ende gelingt Sloterdijk, was er in der Einleitung verspricht, nämlich „die ganze Bühne um 90 Grad zu drehen, bis sie das religiöse, spirituelle und ethische Material unter einem Aufschluss gebenden neuen Winkel zeigt“.
Seine These: Eine Religion oder mehrere Religionen könnten nicht zurückkehren, weil das Religiöse jedem Menschen zu eigen sei und daher nie weg war. Religion sei ein mentales Übungssystem, folglich sei Religiosität eine „trainierbare Größe“. Und in vielen derartiger Übungssysteme ist jeder Mensch eingebunden – sei es in der Schule und am Arbeitsplatz, beim Abendgebet oder beim Lauftraining. Sloterdijk zieht einen aparten Vergleich: Der auf den Schild gehobene Extremsportler sei „das spirituell entleerte Gegenstück des Heiligen“.
Analog zu Schillers Diktum, der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele, so ist der Sukkus von Sloterdijks Analyse: Der Mensch ist nur Mensch, wenn er übt. Nur im Üben gelingt es, über das Alltägliche hinauszuwachsen. Das Üben ist für Geist und Körper wie der Hebel in der Mechanik: Über den vervielfachten Weg gelingt es, übermenschliche Kraft anzuwenden. Im Üben wird das zunächst Unmögliche vollbringbar. Aus dieser reichhaltigen Sicht auf das Üben generiert Peter Sloterdijk raffinierte Definitionen für „Kultur“, etwa „Dressur-Systeme zur Übertragung von regional lebenswichtigen kognitiven und moralischen Gehalten an die nächste Generation“ oder „traditionstüchtige Menschengruppen mit einem hohen Dressur- und Kunstfertigkeitsfaktor“. Er entdeckt in der weitverzweigten Tradition des Übens die Ursache für die Überlegenheit der westlichen Gesellschaft, die sich über Jahrtausende mittels Askesen trainiert hat.
Das Üben ist eines von mehreren Modulen, mit denen Sloterdijk die Religiosität zu erfassen vermag. Als Nietzscherianer tut er dies gottlos. „Dass Gott tot sein soll, macht in diesem Zusammenhang nichts. Mit oder ohne Gott kommt jeder nur so weit, wie seine Form ihn trägt.“
Eine Gott-Mensch-Beziehung ersetzt Sloterdijk durch die „Vertikalspannung“ – ein Begriff für das Religiöse, für den er sich vom biblischen Bild der Jakobsleiter inspirieren lässt. Diese Vertikalachse hat nichts mit Mathematik oder Architektur zu tun, sondern ist ein ethisches Gebilde. Sie ist jener Weg zum zunächst oder immer unerreichbar erscheinenden – gleichsam überirdischen – Ziel, das der Übende anstrebt.
Im Fall des Sportlers mag dies ein Marathon sein, auf den er monatelang hintrainiert. Im Fall von Religionen ist es Jesus Christus oder ein anderer Gott. Folglich „war Gott in der Zeit seiner effektvollsten kulturellen Repräsentation unmittelbar der überzeugendste Attraktor für Lebens- und Übungsformen“.
Peter Sloterdijk durchstreift einen riesigen geistesgeschichtlichen Parcours, in dem das frühe Mönchtum, Nietzsche, Rilke, Kafka und Foucault wichtige Denkstationen sind. Nein, Sloterdijk zählt nicht zu jenen Mitmenschen, die subversiv und geistig unfit wären. Vielmehr ist er ein Überschreiter, ein Überflieger.
Wer ihm dabei folgt, darf sich rühmen, in der Athletik des Denkens eine spannende – besser: vertikal gespannte – Übung absolviert zu haben. Und die Morgengymnastik macht ab sofort mehr Freude denn je. Denn die ist, laut Peter Sloterdijk, nicht weniger als eine anthropotechnische Methode zur Entpassivierung seiner selbst. Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern, Über Religion, Artistik und Anthropotechnik, 723 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt 2009.
