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Berlusconi setzt auf Atomstrom

Kehrtwende. Trotz der politischen Kursänderung ist ein Bau neuer Nuklearmeiler in Italien alles andere als sicher.

roman arens rom (SN). Trotz der zur Schau getragenen Begeisterung von Italiens Premier Silvio Berlusconi ist es für sein Land noch ein weiter Weg zurück zur Atomkraft. Der zwischen Italien und Frankreich sowie den staatlichen Energiekonzernen Enel und EDF geschlossene Vertrag über den gemeinsamen Bau von „mindestens“ vier Kernreaktoren hat sofort die alten Debatten wiederbelebt. Sie werden in den anstehenden Wahlkämpfen für Zündstoff sorgen. Während Regierungen wie die amerikanische in Zeiten der Krise verstärkt auf Einsparung, Effizienz und erneuerbare Energien setzen, hat Italiens Regierung aus ihrer Neigung zur Nuklearenergie kein Hehl gemacht. Zwar hat die Bevölkerung 1987, ein Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe, in einem Referendum Nein zur Atomenergie gesagt, aber nach Auffassung von Claudio Scajola, Minister für wirtschaftliche Entwicklung, hat sich der Wind gedreht. Als Ursachen nennt er den russisch-ukrainischen Gaskrieg, die Dringlichkeit des Kampfes gegen den Klimawandel, die höhere Sicherheit der Reaktoren und die hohen Energiepreise in Italien. Die angebliche Sicherheit, ökonomischer Nutzen und niedrigere Stromkosten werden von Kritikern heftig bestritten. Die Grünen haben bereits angekündigt, notfalls ein neues Referendum einzuleiten. Auf der Website der Zeitung „La Repubblica“ haben sich unter sechzigtausend Lesern nur 20% für Atomkraft ausgesprochen, 67% aber dagegen. 12% wollen jedenfalls die Reaktoren der vierten Generation abwarten. Letzteres reflektiert die technischen und finanziellen Schwierigkeiten beim Bau von Reaktoren der dritten Generation, wie sie gerade in Finnland zu beobachten sind, wo der Prototyp 2012 mit drei Jahren Verspätung in Betrieb gehen soll. In Italien soll der erste dieser Reaktoren laut Vertrag, über den sich angeblich vor allem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Hände gerieben hat, „nicht später als 2020“ ans Netzt gehen. Selbst bei Überwindung der politischen und finanziellen Hürden bliebe die besonders schwierige Standortfrage. Der ehemalige Enel-Chef Chicco Testa meinte, sicherlich erwarteten sich nicht nur Sardinien, sondern auch andere Regionen das Versprechen Berlusconis, dass bei ihnen kein Atomkraftwerk gebaut werde. Der Regierungschef hatte vor den Provinzwahlen in Sardinien vor einigen Wochen zugesagt, die Insel atomfrei zu halten.

Italien sucht bereits seit vielen Jahren vergebens nach einer Lagerstätte für Nuklearabfälle aus Spitälern. Die Proteste gegen schlichte Mülldeponien werden inzwischen auch mit Militäreinsätzen niedergehalten. Der Gedanke, in Wahlkämpfen einen Atomkraftwerk-Standort vertreten zu müssen, wird auch Mitte-rechts-Politikern den Schweiß auf die Stirn treiben.

Aussen / 26.02.2009 26.02.2009 / Print
 
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