Gift und Gegengift zum Operntriumph
Unverwüstlich. Die 63-jährige Edita Gruberova sorgte als Lucrezia Borgia an der Bayerischen Staatsoper für tosenden Jubel.
Klaus Adam München (SN). Hat der für den Ausstattungsetat der Bayerischen Staatsoper Verantwortliche bei Lehman Brothers spekuliert? Für Gaetano Donizettis Oper „Lucrezia Borgia“, deren Neuinszenierung am Montag in München Premiere hatte, musste eine schwarze Schräge vor einer grauen Wand ausreichen, die der Bühnenbildner Henrik Ahr mit dem Namen der Titelheldin in Leuchtbuchstaben dekorierte. Die Sänger trugen ihre Bürostühle selbst herein und hinaus, der Herzog schulterte einen Tisch, der von Ikea stammen könnte. Wurden die Sänger zu ihrer Umbauarbeit noch dazu verpflichtet, ihre privaten Straßenanzüge mitzubringen? Barbara Drosihn ist als Kostümbildnerin angegeben, sie siedelt die Geschichte von der mit Gift und Gegengift jonglierenden Papsttochter vom Anfang des 16. Jahrhunderts im Nirgendwo unserer Tage an. Nur die offenbar aufmüpfigen Choristen durften Renaissance-Utensilien wie vom Flohmarkt tragen.
Anders als in der Ausstattung wird im Sängeretat für die vierte Premiere der Intendanz Klaus Bachlers an der Bayerischen Staatsoper der Sparwille durchbrochen. Man kann sich schwerlich erlauchtere Interpreten vorstellen! Seit Jahren hat sich die Bayerische Staatsoper nicht mehr Solisten für die kleinste Nebenrolle geleistet, wie etwa Emanuele D’Aguanno (herzoglicher Schuhwichser) oder Christian Van Horn (Astolfo). Vor allem aber überstrahlt eine „Primadonna assoluta“ die Szene: Die 63-jährige Edita Gruberova als Lucrezia Borgia brilliert nicht nur mit artistisch verfeinertem, raffiniertem Einsatz ihrer Koloratur- und Pianokultur. Sie erfüllt diese vielschichtige Rolle mit Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, Klangfarben, beseelter Sensibilität. Sie hat mütterliche Süße, aber auch die Forte-Aggression der gekränkten Frau.
Pavol Breslik als Gennaro, der sterbend in Lucrezia seine Mutter erkennen muss, hat einen ungemein expressions- und schmelzreichen Tenor. Mit prunkvoll abgründigem Bariton glänzt Franco Vasallo als Lucrezias Gemahl Don Alfonso.
An Christof Loys Inszenierung beeindruckt die Charakterformung und die Personenführung, die Verstrickungen und Konflikte deutlich macht. Doch immer wieder kommt es zu Leerläufen und verlegener Halbstarkengymnastik, manchmal kippt Realistik in Abstraktion ohne Symbolik. Loy kassierte Buhs. Bertrand de Billy dirigiert sorgfältig sängerfreundlich, die Tempi sind überzeugend, doch ohne begeisternden Funken. Tosender Jubel für Gruberova. www.bayerische.staatsoper.de
