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Eine Frau sieht Brot

Ceres war eine tatkräftige Göttin. Genau genommen war sie die römische Göttin der Landwirtschaft, der Ehe und des Todes. Von ihr erzählt man sich, dass sie eines Tages dem elenden, gewalttätigen Treiben der Wilden nicht länger zusehen wollte. Sie habe einen Speer gepackt und damit eine Furche in die Erde gezogen. Darin habe sie ein Korn aus ihrem Ährenkranz abgelegt und daraus sei wiederum ein Kornfeld gewachsen.

Das Überleben der einst so wilden Menschheit wird seither nicht mehr allein vom Recht des Stärkeren gesichert. Denn Getreide kann alle satt machen. Brot stiftet Frieden. Wer sollte das besser wissen als die Christen? Der Leib Christi – wir empfangen ihn in Form von Brot. Wer Brot isst, erlebt täglich eine ruhige Zeremonie.

Aber da ist leider etwas passiert in den vergangenen 30 Jahren.

Früher galt das Bäckerhandwerk noch als Kunstform. Heute gibt es 2000 Fertigbrotmischungen. „Unter diesem Begriff subsumiert sich alles, was in einem Brot nichts zu suchen hat“, sagt der Biopionier Werner Lampert. Das schlimmste Ergebnis dieser Entwicklung seien „schwammige Monstren mit undefinierbarem Geschmack“. Die Bäcker der alten Schule schimpfen über die „McDonaldisierung“ in ihrer Branche.

„Wie konnte es so weit kommen?“, fragt sich auch Roswitha Huber häufig. Wenn sie etwa Filme wie „We feed the world“ sehe und darin Mitarbeiter von Verbrennungsanlagen, die regungslos zusehen, wie tonnenweise Brot verbrannt wird, fehlten ihr die Worte, räumt die sonst so kämpferische Frau ein. In Wien wird täglich so viel Brot weggeworfen wie Graz am Tag benötigt. Keine Frage: Es ist was faul bei unseren Nahrungsmittelkonzernen. Trotzdem ist auch für Huber letztendlich der Kunde selbst an dem Desaster Schuld. „Wenn der Preis einer Semmel um zwei Cent erhöht wird, dann kann sich der Bäcker eine Schimpfkanonade anhören“, sagt sie. Lampert erklärt das in seinem Buch „100 Lebensmittel, die Sie glücklich machen“ so: „Eine Straßenbahnkarte hat 1980 so viel gekostet wie eine Semmel. Die Straßenbahnkarte kostet heute 1,70 Euro. Die Semmel 29 Cent.“ Noch Fragen?

Huber entschloss sich, etwas zu unternehmen. Sie begann dort, wo rasch etwas bewirkt werden konnte. Auf der Rauriser Kalchkendlalm bot sie Schulen etwas an, was nicht in Schulklassen unterrichtet werden kann. Nämlich, wie man echtes Brot bäckt. Seit 15 Jahren hält sie diese Kurse nun schon. Sie befeuert ihren Holzofen und knetet mit den Kindern Teig. Anfangs kamen jedes Jahr tausend Schüler. Im Vorjahr waren es bereits 2500. Die Kinder sind glücklich da oben. Erst recht, wenn sie kosten, wie ihr Brot schmeckt.

Huber hoffte, dass Kinder dann nicht mehr mit „Billigpampe“ ausgetrickst werden können. Heute weiß sie, dass es nicht reicht, ein Kind einmal im Leben Brot backen zu lassen. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Aber wenn sie sehe, wie die Kinder an diesem Tag begeistert zur Sache gehen, dann könnte schon noch was weitergehen, sagt sie.

Ein Projekt der Österreichischen Bergbauernvereinigung führte Huber dann nach Afrika. „Das war eine Art Austauschprogramm. Wir flogen nach Afrika, dann besuchten uns die afrikanischen Bäuerinnen in Salzburg. Natürlich ging es hauptsächlich darum, die Afrikanerinnen zu unterstützen“, sagt sie. Tatsächlich sei es dann umgekehrt gewesen. „Es hat geholfen, den Ballast abzuwerfen, den wir in Europa heute mit uns herumschleppen. Diese Begegnungen haben mich auch an die Geschichten meiner Großmutter erinnert.“ Wir vergessen häufig, sagt Huber, dass Österreich vor 80 bis 100 Jahren ähnliche Probleme hatte wie Afrika heute. „Auch bei uns war damals alles davon bestimmt, Nahrung zu finden, Kleidung und eine warme Stube zu haben. “

Von den Armen Afrikas führte sie dann vor sechs Jahren der Zufall zu dem Bäcker der Reichen und Schönen. „Ich solle mir doch mal den Holzofenbäcker Polâine in Paris anschauen“, habe ihr ein Bekannter geraten, erinnert sich Huber. Im Glauben, auf einen staubigen kleinen Bäckerladen zu treffen, reiste sie nach Frankreich.

Polâine war längst Millionär. Seine Holzofenbrote wurden als Luftfracht nach New York geflogen. Weil die Pariser Filialen eher unauffällig sind, schöpfte Huber keine Verdacht. Die Frage, ob Monsieur Polâine für sie Zeit habe, quittierte die Dame hinter dem Tresen nur mit einem erstaunten Blick. Aber sie durfte schriftlich Fragen hinterlassen. Schon ein paar Stunden danach erhielt sie – welch eine Überraschung – einen Anruf: Sie solle sofort kommen, sagte die Sekretärin.

Da saß er, der Mann, der mit dem berühmten Salvador Dali Kunstprojekte ausgeheckt und bislang keiner Zeitung ein Interview gegeben hatte. Huber sagte: „Pardon. Ich bin eben einfach.“ Polâine: „Madame. Einfach ist genial.“

„Er wollte nach Rauris kommen“, sagt Huber. Aber der Franzose starb kurz darauf bei einem Hubschrauberabsturz. Nächstes Jahr wird Tochter Apollonia zu ihrem ersten Brot-Symposium kommen. Sie führt den Betrieb, seit ihr Vater gestorben ist. Sie wird über Brot erzählen. Ihre afrikanischen Kollegen werden zuhören und Mut schöpfen – und Roswitha Huber? Sie wird wohl einfach nur glücklich sein.

Genuss / 27.12.2008 27.12.2008 / Print

 
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